Die VIP-Lounge oberhalb des Foyers

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Die VIP-Lounge ist nach Mitternacht ein Raum, der sich nicht mehr entscheiden kann, ob er noch Gesellschaftsraum oder schon Inventar des Scheiterns ist. Auf einem Tisch stehen halb geleerte Gläser, kalter Tee, Servietten mit Lippenstift und zwei Teller mit Lachsbrötchen, die niemand mehr anrührt. Die Musik aus der Haupthalle ist nur noch ein fernes, gedämpftes Summen, wie eine Erinnerung an Optimismus, die nicht weiß, dass sie längst zu spät kommt.
JONATHAN steht an der Bar, ein Glas in der Hand, und betrachtet eine geöffnete Schublade voller Rechnungen, Ordner und hastig abgelegter Papiere mit der fassungslose Neugier eines Mannes, der an Katastrophen nur dann Freude hat, wenn sie stilvoll sind. JENNIFER sitzt am niedrigen Tisch am Fenster, den Mantel längst abgelegt, einen Stapel Unterlagen vor sich, den sie mit erschreckend ruhigen Händen sortiert. Neben ihr liegen zwei Mappen, ein vergilbter Bauplan, eine aktuelle Kostenübersicht, ein Brief des Kuratoriums und ein Klemmbrett, auf dem Franklin mit blauer Tinte Zahlen überschrieben hat, die nie für fremde Augen bestimmt waren.
Jonathan hebt eine Rechnung hoch, als halte er ein Beweisstück in einem Mordfall aus einer sehr schlechten Operette.


JONATHAN
Jennifer.


Sie reagiert nicht sofort. Sie liest noch eine Zeile, legt das Blatt zur Seite, nimmt das nächste.


JONATHAN
Jennifer, ich fürchte, unser Gastgeber war entweder ein sehr mutiger Wohltäter oder ein völliger Wahnsinniger.


JENNIFER
Er war in Geldnöten. Das ist gewöhnlich gefährlicher und deutlich weniger romantisch.


Jonathan tritt vom Barschrank weg und kommt zu ihr.


JONATHAN
Du hast etwas gefunden.


Jennifer hebt jetzt den Blick.


JENNIFER
Ja.


JONATHAN
Sag bitte zuerst, dass ich mich geirrt habe und diese Gala nur auf altmodische Weise schlecht organisiert ist.


Jennifer hält seinen Blick eine Sekunde zu lang. Nicht grausam. Nur präzise.


JENNIFER
Nein.


Jonathan atmet einmal aus, setzt das Glas ab und sieht auf die Unterlagen.


JONATHAN
Dann in der grausamen Reihenfolge, bitte.


Jennifer zieht ein Blatt aus der Mitte des Stapels.


JENNIFER
Die sechsunddreißig Millionen für die Stipendien existieren nicht.


Stille. Jonathan blinzelt.


JONATHAN
Gar nicht?


JENNIFER
Nicht frei verfügbar. Nicht treuhänderisch gebunden. Nicht einmal glaubwürdig angekündigt. Sie existieren nur in Reden, Drucksachen und einem Entwurf, der so formuliert ist, dass er bis zur ersten konkreten Nachfrage großzügig klingt.


Jonathan zieht einen Stuhl heran und setzt sich ihr gegenüber.


JONATHAN
Das heißt, die Mannschaften spielten um Geld, das nie da war.


Jennifer nickt.


JENNIFER
Oder um Geld, das nur dann da gewesen wäre, wenn Franklin in den nächsten Tagen ein Wunder, einen Kredit oder einen Erpressungserfolg zustande gebracht hätte.


Jonathan lehnt sich zurück.


JONATHAN
Das ist schlechter Stil. Sogar für einen Toten.


Jennifer zieht den nächsten Bogen hervor.


JENNIFER
Und es wird besser.


JONATHAN
Nein.


JENNIFER
Doch.


Sie schiebt ihm ein technisches Gutachten hin. Er liest. Sein Blick bleibt an einem Wort hängen.


JONATHAN
Asbest.


JENNIFER
Ja.


JONATHAN
Viel?


JENNIFER
Genug, um aus „Abriss im Sommer“ keine festliche Zukunftsmaßnahme, sondern eine kostspielige Sonderentsorgung zu machen.


Jonathan sieht auf die Zahlen darunter. Seine Gesichtszüge verlieren ein wenig von ihrer üblichen Leichtigkeit.


JONATHAN
Das verdoppelt die Kosten ja beinahe.


JENNIFER
Mit Transport, Sicherheitsauflagen und Spezialfirma eher mehr als das. Franklin wollte hier kein Symbol schaffen. Er wollte eine Last loswerden und sie als Erneuerung verkaufen.


Jonathan fährt sich mit Daumen und Zeigefinger über die Stirn.


JONATHAN
Also kein neues Zentrum für internationale Demokratie auf Kufen.


JENNIFER
Nur, wenn Demokratie neuerdings bedeutet, alte Bausünden mit fremdem Geld hübsch umzuschreiben.


Jonathan sieht sie an.


JONATHAN
Und wo ist das restliche Geld hin?


Jennifer zieht nun eine handschriftlich korrigierte Übersicht näher heran.


JENNIFER
Das ist der wirklich schlechte Teil.


Sie tippt mit dem Finger auf mehrere Posten.


JENNIFER
Verpfändete Beteiligungen. Überzogene Zwischenfinanzierungen. Rückstände bei einer Schweizer Bank. Zwei private Darlehen, eines davon offenbar abgesichert über Kunstbesitz, den Franklin schon vor Monaten nicht mehr hätte einsetzen dürfen. Und hier—


Sie schiebt ihm eine weitere Liste hin.


JENNIFER
Die heutigen Einnahmen.


Jonathan liest. Dann hebt er den Kopf.


JONATHAN
Nein.


JENNIFER
Doch.


JONATHAN
Das Geld vom heutigen Abend ist schon weg?


JENNIFER
Ja. Formal als „zur Sicherung laufender Verpflichtungen umgebucht“. Praktisch: in alten Schulden verschwunden, bevor die ersten Stipendiaten überhaupt ihren Namen auf eine Liste gesetzt haben.


Jonathan stößt Luft aus. Kein Lachen. Eher die erschöpfte Bewunderung eines Mannes, der schlechte Menschen selten unterschätzt und sie trotzdem noch gelegentlich unerquicklich findet.


JONATHAN
Dann gab es nie Stipendien. Nicht wirklich.


JENNIFER
Nur das Versprechen darauf.


Jonathan sieht wieder auf die Zahlen.


JONATHAN
Das hätte irgendwann auffliegen müssen.


JENNIFER
Ja.


JONATHAN
Also brauchte er schnell Geld, bevor jemand nachhakt.


JENNIFER
Genau.


Sie steht auf, geht mit einem Blatt zum Kamin und hält es ins Licht.


JENNIFER
Und das ist der Punkt, an dem es hässlich wird. Franklin hatte heute Abend keine Spendenveranstaltung mehr in der Hand. Er hatte ein Zeitfenster. Ein letztes hübsches Fenster, in dem er mit vier Nationalteams, Presse, Stipendiaten und Sentimentalität noch einmal so tun konnte, als stünde hinter ihm Substanz.


Jonathan bleibt sitzen, aber seine Aufmerksamkeit wird schärfer.


JONATHAN
Also wollte er aus dem Abend Bargeld, Zusagen oder Schweigen pressen.


JENNIFER
Ja. Vielleicht alles drei.


Jonathan nimmt langsam das Glas wieder auf, trinkt nicht, dreht es nur in den Fingern.


JONATHAN
Dann war das Ganze von Anfang an ein Betrug.


Jennifer sieht zum Fenster hinaus, wo man nur Dunkelheit und die diffuse Spiegelung der Lounge sieht.


JENNIFER
Nicht ganz. Die Jugendlichen sind echt. Ihre Hoffnung auch. Genau das macht es so unerträglich.


Jonathan sieht auf. Jennifer hebt eine Braue.


JENNIFER
Ja, ich weiß. Das Wort passt nicht. Ich nehme es zurück.


Jonathan lächelt trotz allem.


JONATHAN
Danke. Ich wollte es dir gerade verbieten.


Jennifer geht zum Tisch zurück und setzt sich wieder.


JENNIFER
Franklin hatte also ein Problem in drei Teilen. Erstens: Die Halle war mehr Last als Prestige. Zweitens: Das Stipendiengeld war nie liquide vorhanden. Drittens: Selbst die Spenden des heutigen Abends waren bereits zur Deckung älterer Verbindlichkeiten verplant.


JONATHAN
Und irgendwo dazwischen stirbt er auf dem Eis.


JENNIFER
Ja.


Jonathan denkt einen Moment nach.


JONATHAN
Das heißt, seine Söhne wären ideale Zielpersonen gewesen.


Jennifer nickt.


JENNIFER
Natürlich. Moreau und Mercer hatten Namen, Einkommen, Ruf und genug familiären Druck, um moralisch erpressbar zu sein. Wenn er zusätzlich noch irgendeine alte Russland-Linie offenhielt, wurde daraus ein sehr voller Abend.
Jonathan schiebt das Asbestgutachten weg und sieht stattdessen auf die Veranstaltungseinladung.


JONATHAN
Und wir haben das auch noch mitfinanziert.


Jennifer antwortet ohne Trost.


JENNIFER
Ja. Aber nur mit einer halben Million. Das ist Abschreibung - und ein paar Halsketten weniger im nächsten Monat. Aber für die Stipendiaten ist es eine Zukunft.


JONATHAN
Ich hasse es, wenn mein Geld in schlechten Händen symbolischer wird als in guten.


JENNIFER
Du hasst vor allem, wenn es geschmacklos wird.


JONATHAN
Auch richtig.


Er steht auf, geht zur Bar und stellt das Glas dort endgültig ab.


JONATHAN
Und jetzt? Gehen wir zu Mulder und Scully und sagen ihnen, dass der tote Mann bankrott war, das Stipendiengeld nie wirklich existierte, der Abriss durch Asbest unbezahlbar geworden ist und selbst die Spenden dieses Abends schon in seinen alten Löchern verschwunden sind? Denn da hätte niemand ein Motiv, ihn zu töten, um an das Geld zu kommen - wenn sie es gewußt haben.


Jennifer sammelt die wichtigsten Papiere in einer sauber geordneten kleinen Auswahl.


JENNIFER
Das ist eine gute Idee. Und ich werde Max bitten, uns ein Bad einzulassen, damit wir uns nach dieser Totenkälte wieder aufwärmen können.


JONATHAN
Sehr gut. Weil ich spätestens seit dem Wort „umgebucht“ nicht mehr an Herzinfarkt allein glauben möchte.


Jennifer steht auf.


JENNIFER
Ich glaube durchaus an Herzinfarkte. Ich glaube nur nicht an so viele Zufälle in so enger Abendgarderobe.
Jonathan nimmt zwei der Mappen unter den Arm.


JONATHAN
Und ich dachte, wir seien nur hier, um großzügig und charmant zu wirken. Und damit du erneut zeigen kannst, dass du jede gewählte Bürgermeisterin in den Schatten stellst als Gastgeberin.


Jennifer sieht ihn an, diesmal mit einem Hauch Wärme.


JENNIFER
Wir sind ein gutes Team. Und den Verlust hast du in zwei Stunden herinnen, wenn du etwas mehr Öl oder Diamanten verkaufst. Mir tun die Kinder leid.


JONATHAN
Und jetzt?


Jennifer geht zur Tür.


JENNIFER
Jetzt werden wir nützlich.


Sie öffnet. Jonathan folgt ihr mit den Unterlagen. Auf dem Tisch bleibt eine einzige Karte zurück: INTERNATIONALES WOHLTÄTIGKEITSTURNIER FÜR HOCKEYSTIPENDIEN Unter dem goldenen Druck liegt eine Bleistiftnotiz, hastig und kaum lesbar: „Heute schließen.“

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