Mercer

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Die Tür fällt hinter Moreau ins Schloss. Für einen Augenblick bleibt Mulder allein im Raum, die Hand noch an der Klinke, den Blick auf den leeren Stuhl gerichtet, als könne ein Möbelstück verraten, wie viel davon Wahrheit und wie viel Haltung gewesen ist. Dann öffnet er die Tür. Mercer steht draußen bereits so still, als habe er nicht gewartet, sondern sich abgestellt. Mulder tritt zur Seite.


MULDER
Captain Mercer.


Mercer kommt herein, ohne Eile, ohne sichtbaren Widerstand, und setzt sich erst, nachdem Mulder die Tür wieder geschlossen hat. Nicht auf denselben Stuhl wie Moreau, sondern einen weiter links, als sei selbst in einem Verhörraum noch eine Geometrie zu wahren. Mulder bleibt diesmal nicht stehen. Er setzt sich Scullys Platz gegenüber, die Mappe vor sich, ohne sie sofort zu öffnen. Für einen Moment sagt keiner etwas. Mercer hält seinem Blick stand. Nicht provozierend. Nur mit jener trockenen britischen Form von Selbstbeherrschung, die wirkt, als sei sie in Internaten, kalten Schlafzimmern und stummen Esszimmern eingeübt worden.


MULDER
Ihr Halbbruder hatte Licht, Sonne und Bordeaux.


Mercers Mund bewegt sich kaum merklich.


MERCER
Dann nehme ich an, Sie möchten von mir hören, dass ich nur Regen, Züge und Verbitterung hatte.


MULDER
Hatten Sie?


Mercer legt die Hände locker auf den Tisch, als hätte er entschieden, dass sichtbare Ruhe die effizienteste Waffe im Raum ist.


MERCER
Nein. Nicht nur. England ist nicht so schlecht, wie US-Amerikaner im Geschichtsunterricht lernen oder in ihren Träumen hoffen. Wir haben auch Sommer. Sie fallen nur diskreter aus.


Mulder wartet.


MERCER
Und meine Mutter war besser darin, aus wenig etwas Anständiges zu machen als Franklin je darin war, aus viel etwas Erträgliches zu machen.


Das ist bereits nützlicher als Widerstand.


MULDER
Ihre Mutter. Jane.


Mercer sieht ihn an.


MERCER
Ja.


MULDER
Moreau nannte sie „Tante Jane“.


Zum ersten Mal verändert sich Mercers Gesicht deutlicher. Kein Schmerz, eher der kurze Stoß einer Erinnerung, die nicht in diesen Raum passt und deshalb gerade deshalb echt wirkt.


MERCER
Natürlich tat er das.


MULDER
Hat es Sie gestört?


Mercer überlegt kurz.


MERCER
Nein. Kinder bauen sich funktionierende Begriffe. Es war präziser als „Zofe“, wenn Sie mich fragen.


Mulder öffnet die Mappe nun doch.


MULDER
War sie das denn? Präzise?


MERCER
Nur auf dem Papier. Und vielleicht im ersten Jahr.


MULDER
Dann war Ihre Mutter also nie wirklich nur Personal.


MERCER
Nein.


Wieder Stille. Mulder lässt sie arbeiten, bevor er fragt:


MULDER
Hat Franklin Ihr Internat bezahlt?


Mercer schüttelt den Kopf.


MERCER
Nein. Tante Isabeaus Mutter hat es für Ihre Pflicht gehalten, sich um „Das Kind“ zu kümmern. Aber in England, nicht in Frankreich.


MULDER
Tante Isabeau? Ihre…Stiefmutter?


Mercer verzieht diesmal sichtbar den Mund.


MERCER
Wenn Sie Lucs Mutter meinen: gelegentlich. Ferien. Besuche. Diese eigentümlichen Arrangements, die Erwachsene für zivilisiert halten, solange Kinder anständig genug sind, keine direkten Fragen zu stellen.


Mulder nickt.


MULDER
Und haben Sie direkte Fragen gestellt?


MERCER
Früh.


MULDER
Antworten bekommen?


MERCER
Spät.


Mulder lehnt sich leicht zurück.


MULDER
Wann wussten Sie, dass Luc Ihr Halbbruder ist?


Mercer sieht nicht zur Seite. Nicht zum Fenster. Nicht auf den Tisch. Er sieht Mulder an, während er antwortet.


MERCER
Spätestens mit elf. Vielleicht etwas früher. Aber mit elf wusste ich es mit der Grausamkeit, die Kinder meinen, wenn sie von Gewissheit sprechen.


MULDER
Und davor?


MERCER
Davor wusste ich nur, dass Jane schöner wurde, wenn wir in Frankreich waren. Und stiller, wenn wir zurückkehrten. Das ist gut. Präzise. Und nicht gespielt.


MULDER
Und Lucs Mutter?


Mercers Stimme bleibt eben.


MERCER
Tante Isabeau war großzügiger, als sie Grund dazu gehabt hätte. Und das Chateau war ein herrlicher Platz, um Verstecken zu spielen. Lucs Großmutter Marie-Rose war zu Beginn einschüchternd, hatte aber immer Schokolade aus Französisch-Guyana zur Hand. Und sie behandelte meine Mutter korrekt. Großzügig, wie ich erst viel später erfuhr. Sie hat auch unser Haus in York bezahlt. Und Mutters Kleidung.


Mulder macht sich eine knappe Notiz.


MULDER
Moreau sagte, Jane sei das einzig Anständige an der ganzen Konstruktion.


Da ist wieder dieser kaum sichtbare Riss in Mercers Kontrolle. Nicht Widerspruch. Eher etwas, das man fast Dankbarkeit nennen könnte, wenn das Wort nicht so unbritisch klänge.


MERCER
Er hat recht. Ich würde über Isabeau dasselbe sagen.


Mulder sieht kurz auf seine Notizen. Dann wieder hoch.


MULDER
Sie hatten kein Bordeaux. Und Sie nennen sie nicht „Tante Isabeau“.


Mercer zieht eine Schulter ganz leicht.


MERCER
Nein. Aber ich hatte Struktur. England gibt einem oft Struktur, wenn schon sonst nichts. Und Internate haben Erzieher, keine Onkel und Tanten.


MULDER
Internat.


MERCER
Ja.


MULDER
Franklin hat Sie dort nie besucht.


Mercer blinzelt nicht einmal.


MERCER
Nein.


MULDER
Nicht angerufen. Nicht geschrieben.


MERCER
Nein.


MULDER
Nicht einmal zu den teuren Feiertagen?


Diesmal ein Hauch von trockenem Spott.


MERCER
Er hatte andere Feiertage.


Mulder lässt das stehen.


MULDER
Und trotzdem heute „Familie“.


Mercers Kiefer spannt sich nun doch sichtbar an.


MERCER
Ja.


MULDER
Sagen Sie es mir noch einmal. Präzise.


Mercer schaut auf seine Hände. Nur kurz.


MERCER
Er sprach von Loyalität. Von Verpflichtung. Davon, dass Herkunft kein Kleidungsstück sei, das man in einem anderen Land einfach wechselt. Davon, dass manche Männer vergessen, wem sie ihre Position verdanken.


MULDER
Und wem verdanken Sie sie laut Franklin?


Mercer hebt den Blick.


MERCER
Ihm. Offensichtlich. Männer wie er verwechseln Zeugung gern mit Investition.


Das ist der Satz des Verhörs. Mulder notiert ihn, gerade weil er ihn sich unbedingt merken muss.


MULDER
Was wollte er konkret?


MERCER
Er hat Geld angeboten, vierzig Millionen Pfund. Aber mein Team sollte faktisch nur einen Bruchteil davon sofort bekommen. Er würde jeden Stipendiaten persönlich überprüfen und dann die Zahlung anweisen.

 

Keine Verzierung. Keine Scham. Nur das Wort.


MULDER
Und wenn Sie nicht gewonnen hätten?


Mercer antwortet zu schnell, um sich dabei ganz zu schützen.


MERCER
Dann würde er hoffen, dass Luc gewinnt und der bessere Sohn wäre, der echtere.


Da. Mulder bleibt still. Mercer merkt es sofort.


MULDER
Eifersucht?


Mercer hält seinen Blick jetzt einen Herzschlag zu lang. Dann sagt er:


MERCER
Familie.


MULDER
Das ist wieder Nebel. Und Luc?


MERCER
Wäre mitgerissen worden. Natürlich. Das ist das Prinzip. Franklin hat nie nur eine Person belastet, wenn sich mehrere damit in Form bringen ließen.


Wieder Stille. Draußen läuft jemand den Flur entlang, bleibt kurz stehen, geht weiter. Ein Murmeln. Dann Ruhe.


MULDER
Hat Franklin Sie gebeten, Luc gewinnen zu lassen?


Mercer sagt nichts. Das Schweigen ist diesmal Antwort genug.


MULDER
Oder Sie?


Mercer sieht ihn an.


MERCER
Er war an einem Punkt, an dem er jeden von uns gewinnen oder verlieren lassen wollte, solange sich daraus etwas ziehen ließ. Glauben Sie wirklich, es ging ihm um Fairness? Oder Loyalität? Zu Englisch?


Mulder schüttelt leicht den Kopf.


MULDER
Nein.


MERCER
Gut.


MULDER
Und was war mit Hollander und Rozanov? Hat Franklin auch da etwas gesteuert?


Mercer denkt nach. Das ist bei ihm sichtbar, weil sein ganzes Gesicht dann noch stiller wird.


MERCER
Ich weiß nicht, was er da wollte. Aber ich sah ihn den ganzen Abend diese beiden beobachten, als seien sie nicht nur Spieler, sondern bewegliche Risiken für seinen „Familienbetrieb“. Wenn er gekonnt hätte, hätte er beiden Brom oder Rohypnol in ihren Tee getan, um sie zu schwächen.


Mulder registriert das. Pharmazeutisches Grundwissen.


MULDER
Sie mochten Franklin nicht.


Mercer antwortet sofort.


MERCER
Nein.


MULDER
Hassen Sie ihn?


Mercer lässt sich diesmal eine kleine Pause.


MERCER
Hass ist ein verschwenderisches Gefühl. Ich halte ihn für einen Mann, der vielen Menschen Form gegeben hat, ohne je Verantwortung für das Material zu übernehmen.


MULDER
Das klingt nach Hass mit Erziehung.


MERCER
Dann nennen Sie es so.


Mulder geht nicht darauf ein.


MULDER
Haben Sie ihn getötet?


Mercer sieht ihn an, völlig ruhig.


MERCER
Nein.


MULDER
Haben Sie es gewollt?


Jetzt kommt zum ersten Mal etwas wirklich Nacktes durch. Keine Träne. Keine Wut. Nur die blanke, trockene Ehrlichkeit eines Mannes, der jahrelang zu viel nicht gesagt hat.


MERCER
Ich wollte oft, dass er verschwindet.


Mulder sagt nichts.


MERCER
Das ist nicht dasselbe.


MULDER
Warum sind Sie beim Zusammenbruch nicht hingelaufen?


Mercer antwortet ohne Nachdenken.


MERCER
Weil ich nicht wusste, ob ich ihm helfen oder zusehen wollte.


Das ist ehrlicher, als man in so einem Raum erwarten darf. Mulder schaut kurz auf die Mappe, dann wieder hoch.


MULDER
Und Luc?


Mercer folgt dem Sprung erstaunlich leicht.


MERCER
Ich sah ihn. Er sah mich. Das genügte.


MULDER
Wofür?


MERCER
Um zu wissen, dass wir beide denselben Fehler nicht vor Publikum machen würden.


Mulder betrachtet ihn lange.


MULDER
Welchen Fehler?


Mercer antwortet diesmal leiser.


MERCER
Familie zu werden.


Da ist er. Der Aktschluss-Satz. Mulder sagt für einen Moment nichts, weil der Satz zu gut ist, um ihn zu stören. Dann:


MULDER
Wenn Franklin heute Nacht nicht gestorben wäre — hätten Sie das Geld genommen für Ihre Stipendiaten?
Mercer lächelt zum ersten Mal. Es ist kein schönes Lächeln. Eher die Erinnerung daran, dass Sarkasmus in gewissen britischen Häusern ein Überlebenswerkzeug ist.


MERCER
Natürlich. Geld stinkt nicht.


MULDER
Hätten Sie Luc davon abgehalten das Geld zu nehmen?


MERCER
Nein, warum sollte ich?


Mulder hebt leicht die Brauen. Mercer ergänzt:


MERCER
Ich hätte nur dafür gesorgt, dass Franklin nicht glaubt, aus unserer Angst wieder Kapital schlagen zu können.
Mulder notiert das nicht. Es bleibt zu offen, um es schon zu mögen.


MULDER
Moreau glaubt nicht, dass Sie Franklin getötet haben.


Zum ersten Mal jetzt echte Überraschung. Nur klein, aber da.


MERCER
Hat er das gesagt?


MULDER
Nicht wörtlich.


Mercer lehnt sich zurück. Zum ersten Mal wirkt er fast müde.


MERCER
Dann wird er vernünftig.


Mulder steht auf.


MULDER
Eine letzte Frage.


Mercer wartet.


MULDER
Denken Sie, dass Moreau Franklin getötet hat?


Mercer denkt kurz nach.


MERCER
Nein.


MULDER
Warum nicht?


MERCER
Weil Männer wie Franklin immer nach der Stelle sehen, an der Begehren, Ehrgeiz und Scham am engsten zusammenliegen. Dort lässt sich am billigsten Druck machen. Und Luc kennt keine Scham und kein Begehren, nur Ehrgeiz - und Bordeaux.


Mulder hält den Blick. Auch dieser Satz wird notiert. Er ist zu brauchbar, um ihn nicht im Kopf zu behalten. Mulder geht zur Tür.


MULDER
Warten Sie draußen!


Mercer steht auf, glättet nicht den Ärmel, korrigiert nicht das Jackett, tut gar nichts dergleichen. Auch das ist eine Art von Haltung. Bevor er die Tür erreicht, bleibt er stehen.


MERCER
Agent Mulder.


MULDER
Ja?


Mercer dreht sich nicht ganz um.


MERCER
Wenn Sie in Luc die Sonne und in mir den Regen sehen, unterschätzen Sie Bordeaux.


Mulder wartet. Mercer ergänzt, beinahe ohne jede Regung:


MERCER
Es ist erstaunlich, wie kalt selbst schöne Häuser werden, wenn der falsche Mann eintritt.


Dann geht er hinaus. Mulder bleibt allein zurück. Der Raum wirkt nach Mercer kleiner, härter, ordentlicher — und deutlich kälter als nach Moreau. Er sieht auf die beiden leeren Stühle der Halbbrüder. Zwei Versionen derselben Geschichte. Eine mit Licht. Eine mit Disziplin. Beide mit Motiv.

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