Hollander

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Die Tür ist wieder geschlossen. Die Mappen liegen noch auf dem Tisch wie ein Nachhall aus Papier: Schulden, Asbest, Scheinvermögen. Mulder steht einen Moment reglos davor, als würde er prüfen, welche seiner Theorien gerade gestorben sind und welche nur neue Kleider brauchen. Dann öffnet er die Tür. Ilya Rozanov tritt ein. Er bewegt sich wie immer ohne sichtbare Eile, aber nicht mit der Ruhe eines entspannten Mannes. Eher mit der eines Menschen, der seine Kontrolle wie einen Mantel trägt: nicht, weil es ihm warm ist, sondern weil er ohne ihn nackt wäre. Mulder deutet auf den Stuhl.


MULDER
Captain Rozanov.


Ilya setzt sich. Anders als Shane keine Ungeduld, anders als Mercer keine britische Härte, anders als Moreau kein dekorativer Stil. Er setzt sich einfach, als wäre auch dieses Verhör nur eine weitere Prüfung von Haltung. Mulder bleibt stehen.


MULDER
Während Sie draußen gewartet haben, wurde unser Abend noch hässlicher.


ILYA
Das überrascht mich nicht.


MULDER
Franklin war bankrott. Das Stipendiengeld existierte nicht. Die Spendengelder des Abends waren schon in alten Schulden verschwunden.


Ilya reagiert kaum. 


ILYA
Dann ist er nicht nur als Mensch gescheitert, sondern auch als Inszenierung.


Mulder notiert sich den Satz.


MULDER
Sie klingen nicht betroffen.


ILYA
Sollte ich?


MULDER
Ein Mann ist vor Ihnen gestorben. Und das Stipendiengeld, immerhin zwanzig Millionen Euro - oder wie man bei Ihnen sagen würde - fast zwei Billiarden Rubel, gibt es nicht. Tut es Ihnen nicht leid für ihre russischen Nachwüchslinge?


ILYA
Ja.


Mulder sagt nichts. Dann geht er an den Tisch, stützt sich nicht darauf, bleibt nur nah genug, dass der Abstand unangenehm wird. Dieser wird am schwierigsten zu knacken sein.


MULDER
Sie waren im Korridor.


ILYA
Ja.


MULDER
Sie haben etwas gehört.


ILYA
Ja.


MULDER
Und anders als Hollander erzählen Sie mir jetzt nicht wieder nur, dass es angespannt klang.


Ilya hält den Blick.


ILYA
Nein.


Mulder wartet. Ilya lässt sich einen Atemzug Zeit. Nicht aus Trotz. Eher um zu entscheiden, welche Wahrheit gefährlicher ist.


ILYA
Ich hörte, dass der Philantrop und der Arzt redeten. Der Arzt sprach von einem Jungen. Von Bildern. Von Gerüchten. Von etwas, das man andeuten könne, ohne es beweisen zu müssen.


Mulder wird stiller, nicht lauter. Immer ein schlechtes Zeichen.


MULDER
Ein amerikanischer Junge?


ILYA
Ich weiß es nicht.


MULDER
Hollander.


ILYA
Nein!


MULDER
Ich dachte, Sie wissen es nicht?


ILYA
Er sagte den Namen nicht. Aber Hollander ist zumindest in Illinois hier berühmt. Seinen Namen hätte er sicher gesagt.
Mulder geht einen Schritt langsam um den Tisch herum.


MULDER
Warum sind Sie hier?


ILYA
Weil ich Russe bin. Weil mein Name auffällt. Weil man in Ländern wie diesem immer schneller Schuld baut als Logik.


Mulder beobachtet ihn sehr genau.


MULDER
Nur deshalb?


Ilya sagt nichts. Mulder versucht es von der anderen Seite.


MULDER
Ihr Großvater.


Jetzt ist die Veränderung da. Nicht groß. Nur ein feiner Zug im Gesicht, wie ein Schatten, der zu schnell durchs Bild geht.


ILYA
Was ist mit ihm?


MULDER
Offiziell olympischer Trainer. Inoffiziell näher an sowjetischen Strukturen, als Sport allein erklären würde.


Ilya sieht ihn an, und diesmal ist die Ruhe nicht mehr ganz perfekt.


ILYA
Mein Großvater war Eishockeytrainer der russischen Nationalmannschaft. Und er war Offizier bei der Roten Armee.


MULDER
KGB


ILYA
Das ist eine Unterstellung. Ich kannte ihn, er hat mich aufs Eis gebracht. Gegen den Willen meiner Eltern. Er hat gesagt, ich habe das Talent, das meinem Vater gefehlt habe.


MULDER
Wir wissen, dass er für den KGB gearbeitet hat. Wussten Sie, dass Franklin in denselben alten Vermerken auftaucht?


Jetzt ehrliche Überraschung. Klein, aber echt.


ILYA
Nein.


Mulder registriert sie. Er hält sie im Moment für glaubwürdig.


MULDER
Gar nicht?


ILYA
Ich wusste, wer mein Großvater war. Nicht mit wem er alles zu tun hatte.


MULDER
Und was wussten Sie?


Ilya antwortet diesmal ohne Schutzbewegung.


ILYA
Dass er offiziell Trainer war. Dass er inoffiziell mit Leuten arbeitete, die Sport nie um des Sports willen ernst nahmen. Dass mein Vater gerade deshalb zur Polizei ging.


Mulder hebt leicht die Brauen.


MULDER
Zur Polizei.


ILYA
Ja.


MULDER
Um sich abzugrenzen.


ILYA
Um nicht derselbe Mann zu werden.


Das bleibt kurz im Raum hängen. Mulder geht wieder zur Stirnseite des Tisches.


MULDER
Haben Sie gedacht, Hollander hätte Franklin getötet? Weil er ein heimlich getürmter Russe war, der hier Zuflucht gefunden hat. Jemand, der seine Heimat verraten hat, um in Luxus zu leben. Jemand, der nicht so ist wie Sie?


Ilya sieht nicht einmal überrascht aus.


ILYA
Warum sollte Hollander sich für Russland interessieren. Oder England oder Frankreich. Er denkt nicht weiter als bis zur mexikanischen Grenze.


MULDER
Erstaunlich, was Sie über Ihren Konkurrenten wissen. Haben Sie Franklin vor dem Zusammenbruch berührt?


ILYA
Ja. Beim Pokal.


MULDER
Vorher?


ILYA
Nein.


MULDER
Den Arzt?


ILYA
Nein. Ich brauche keinen us-amerikanischen Arzt. Ich habe einen russischen Arzt.


MULDER
Hollander außerhalb des Spiels?


Ilya antwortet zu schnell.


ILYA
Nein. Warum sollte ich die Konkurrenz berühren?


Mulder bleibt ganz ruhig.


MULDER
Sie lügen besser, wenn Sie sich mehr Zeit lassen. Haben Sie Franklin getötet?


Ilya antwortet sofort.


ILYA
Nein.


MULDER
Haben Sie es gewollt?


Diesmal kommt die Pause. Eine echte. Keine taktische.


ILYA
Ich wollte, dass er aufhört, Menschen zu benutzen, die nicht verstanden, worin sie gerade hineingezogen werden. Und wenn er jemand wäre, der andere erpressen wollte, dann war es vielleicht besser, dass er stirbt.


Mulder hält den Blick.


MULDER
Das ist keine Antwort.


ILYA
Ich habe ihn nicht getötet.


Mulder glaubt ihm auch das im Moment. Er will gerade die nächste Frage stellen, da öffnet sich die Tür. Scully tritt ein. Sie hat die Mappe wieder bei sich, die Haare leicht anders, als hätte sie sich im Gehen mehrmals hindurchgestrichen, ohne es zu merken. Ihre Müdigkeit ist jetzt präziser geworden. Das heißt bei ihr fast immer: bessere Daten. Sie sieht kurz von Mulder zu Ilya.


SCULLY
Ich störe ungern.


MULDER
Das tust du nur, wenn ich kurz davor bin, etwas Falsches zu glauben.


Scully ignoriert den Versuch von Charme.


SCULLY
Die Proben sind vorläufig ausgewertet.


Ilya wird mit einem Mal ganz still. Nicht sichtbar nervös. Aber vollständig aufmerksam. Mulder richtet sich auf.


MULDER
Captain Rozanov! Warten Sie draußen - und halten Sie sich von den anderen fern, bis wir sie wieder zusammenholen.


Rozanov geht und verschließt die Tür hinter sich. Scully legt einen Zettel auf den Tisch.


SCULLY
Keiner der vier Captains zeigt irgendeine Kontamination mit einem relevanten Giftstoff. Weder auf Haut noch in den raschen Speicheltests. Kein Hinweis auf Kontaktgift bei Moreau, Mercer, Hollander oder Rozanov.


Stille.


MULDER
Das heißt nicht, dass Franklin nicht vergiftet wurde.


SCULLY
Nein. Nur, dass unsere vier Captains nicht die Träger einer offensichtlichen Kontamination waren.


Mulder nickt langsam. Das verschiebt die Architektur des Falles sofort.


SCULLY
Wenn ein Gift im Spiel war, dann muss es anders gelaufen sein. Oder wir schauen doch auf etwas Natürliches. Im Moment entlastet es jedenfalls diese vier auf eine bestimmte Weise.


MULDER
Gut. Dann wissen wir jetzt immerhin, wer Franklin nicht mit bloßen Händen in den Tod geschickt hat.


Scully antwortet trocken:


SCULLY
Das ist medizinisch nicht elegant formuliert, aber ja. Für Franklin brauchen wir eine Obduktion, um eine mögliche Vergiftung feststellen zu können.

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